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Der ältere Hund

Der ältere Hund

   

Warum kommen viele betagte Hunde ins Tierheim?

Und warum finden sie nur so zögerlich ein neues Zuhause?

Viele Tiere werden im fortgeschrittenen Alter unter den fadenscheinigsten Gründen abgegeben.

Oft liegen die wahren Gründe auf der Hand: der Hund ist krank, braucht regelmäßig Tabletten, er ist nicht mehr fit genug, um seine Menschen begleiten zu können oder ein junger Hund ist einfach „schicker“ ? 

Aber: dass der Hund seinem Menschen sein Herz geschenkt, ihm absolut vertraut und ihn als das Wichtigste in seinem Leben angesehen hat, wird nicht gewertschätzt.

Im Tierheim bricht seine kleine Welt zusammen!

Wir leben halt in einer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft!“ 

  

Seien wir mal realistisch: wir selber denken auch nur ungern an unser eigenes Altern und an den Tod!

Wenn man sich ein Tier anschafft, möchte man es doch so lange wie möglich bei sich haben – da ist der Gedanke an einen (viel zu) frühen Abschied erschreckend.

Zudem möchte man den zu erwartenden Kummer bei Krankheit und Leiden, die Entscheidung „Einschläfern – jetzt oder noch warten?“ und die Trauer nach einem Verlust so weit wie möglich von sich schieben – so wie wir unser eigenes „Ende“ auch verdrängen.

Da ist es doch verständlich, dass wir uns keinen „älteren“ Hund ins Haus holen wollen – oder?!

Aber: betrügen wir uns nicht selbst? Und machen wir es uns nicht zu einfach?

  

Sie gehen durch das Tierheim.

Dort sitzt ein Hund, der Ihnen auf Anhieb gefällt, auch Sie scheinen auf ihn zu wirken, denn er drückt sich gegen das Gitter und schaut sie flehentlich an.

Sie tun ihm den Gefallen und streicheln ihn vorsichtig, worauf er Ihnen vielleicht die Hand leckt.

Ihr Herz macht einen Sprung – DAS ist er!

  

Und dann:“ Ach ne, der ist ja schon 9!“ und – einen enttäuschten Hund am Gitter zurücklassend – geht?s weiter!

Aber: vielleicht wäre das die Hunde-Liebe Ihres Lebens geworden – oder wenigstens für die nächsten Jahre!

Stattdessen wird er weiter am Gitter sitzen in der Hoffnung, dass ihm jemand Liebe und ein Zuhause schenkt, und er nicht in ein paar Jahren vergeblichen Wartens einsam im Tierheim sterben muss.

Sind ein paar Jahre mit Ihrem Traumhund nicht mehr wert als erst gar keine Jahre mit ihm?

  

Oder ist „alt“ gleichbedeutend mit „nicht liebenswert“ oder „nicht liebensfähig“?

Besteht vielleicht eine geheime Angst, dass der ältere Hund sich nicht mehr neu orientieren, keine Gefühle für seine neuen Besitzer entwickeln könnte und es von Seiten der Menschen somit „vergebene Liebesmühe“ wäre?

Die Erfahrung mit Tierheimhunden zeigt das Gegenteil! 

Gerade die älteren Hunde sind umso dankbarer für ein wenig Freundlichkeit, Geborgenheit und Liebe.

Sie haben bereits vielfältige (und oft sehr enttäuschende) Erfahrungen gemacht, sitzen möglicherweise schon jahrelang im Tierheim, lebten evtl. vorher als Kettenhund im Hof oder im Zwinger, wurden vielleicht von „Hand zu Hand“ gereicht!

  

 

Auch wenn die Tierschützer versuchen, den Tieren so viel Zuneigung wie möglich zukommen zu lassen und es ihnen so bequem wie möglich zu machen – eisiger Wind, feuchte Regentage oder einsame Nächte dringen bis zu den Seniorhunden vor und machen ihnen körperlich und seelisch zu schaffen!

Wie muss diesen Hunden da ein gemütliches Körbchen vorkommen, eine liebevolle Hand, die ihnen beim gemeinsamen Fernsehabend über den Kopf streichelt oder das warme Handtuch, mit denen sie nach dem verregneten Spaziergang abgetrocknet werden?

  

 

Viele junge Hunde im Tierheim haben kein bewegtes Leben hinter sich, kennen vielleicht nur die überforderte Jungfamilie, die sie abgegeben hat. Diese Hunde begegnen dem Tierheimleben mit mehr Enthusiasmus und Neugier und verkraften Stress und räumliche Unbequemlichkeiten weitaus besser.

Das modernste Tierheim mag so fortschrittlich ausgestattet sein wie nur geht - ein Tierheim ist eben lediglich als vorübergehende Aufnahmestelle gedacht in der Hoffnung, allen Tieren auf kurz oder lang wieder zu einem neuen Zuhause zu verhelfen!

Es ist nichts gegen ein “Heim?.

  

Natürlich – ein Welpe ist süß und putzig, alle Menschen wollen Welpen streicheln, auf der Strasse schauen die Leute einem nach oder sprechen einen an. Da werden die Unannehmlichkeiten wie die nächtlichen Pinkelpausen, die zerkauten Schuhe oder die Erziehungsarbeit gerne in Kauf genommen.

Ein (Jung)-Hund dagegen ist stubenrein, er ist soweit erzogen und man kann viel mit ihm unternehmen. Hundeschule, Agility, täglich längere Spaziergänge. So manches Mal wünschte man sich nach einem anstrengenden Arbeitstag, man müsste bei dem stürmischen Regen nicht mit seinem Vierbeiner eine Stunde durchs Feld laufen, damit er mit anderen Hunden kommunizieren und toben kann!  

  

Selbstverständlich ist es traurig, wenn man sieht, wie die Schnauze seines Vierbeiners grau wird, wie seine Pupillen langsam verblassen und die Kondition nachlässt. Wenn der Hund versucht, die Richtung zu orten, aus der er die Stimme seiner Menschen hört.

Wie friedlich sieht er aus, wenn er in seinem Körbchen liegt und leise vor sich hinschnarcht. Oder wenn er glücklich und zufrieden neben Ihnen sitzt – seine Schnauze auf Ihrem Bein, während Sie am PC arbeiten.

Die Spaziergänge halten sich in Grenzen. Es sind keine Fahrradtouren mehr nötig, um den Hund auszupowern – allerdings sind auch Trekkingtouren tabu. Der ältere Hund möchte nicht mehr den ganzen Tag beschäftigt werden; er ist glücklich, wenn er einfach nur in Ihrer Nähe sein oder ein Nickerchen machen kann.

Die möglicherweise anfallenden Kosten für Tierarztbesuche oder für Medikamente nimmt man gerne in Kauf, sieht man doch, wie sie dem Hund zu mehr Lebensfreude verhelfen oder seinen gesundheitlichen Zustand stabilisieren.

  

Jede Altersstufe hat seine Vor- und Nachteile.

Welcher Hund und welches Alter am besten zu einem passen, muss jeder mit sich, seinem Gewissen und seinem Mitgefühl vereinbaren.

Sicherlich passt ein sportlicher Mensch besser zu einem jüngeren Hund, eine Familie mit Kindern wird sich evt. eher für einen Welpen entscheiden, der mit den Kindern gemeinsam aufwächst.

Einem älteren Menschen wird es sehr entgegen kommen, dass er mit seinem Hund mehrere kleine, langsamere Spaziergänge machen kann, auf diese Weise vielleicht Kontakte knüpft und er zuhause nicht alleine ist.

  

Aber auch Menschen mittleren Alters wissen die Vorzüge eines älteren, weisen Hundes durchaus zu schätzen, bleibt ein erwachsener Hund leichter ein paar Stunden alleine zuhause als ein junger und wird Sie nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht für mehrere Stunden in Beschlag nehmen, um ausgelastet zu sein.

Und – ob Sie nun einen Welpen nehmen oder einen älteren Hund: die Entscheidung, wann es Zeit wird, „loszulassen“ und „ihn gehen zu lassen“, werden Sie früher oder später treffen müssen.

Stehen Sie dann auch zu ihm, so wie er sein Leben lang - oder auch nur wenige Jahre oder Monate - zu Ihnen gestanden hat.

Und schieben Sie ihn nicht ab ins Tierheim, nur weil er in die Jahre kommt! 

  

Und wenn Sie noch mal durchs Tierheim gehen und ein älterer Hund zu Ihnen aufblickt, stempeln Sie ihn bitte nicht direkt aufgrund seines Alters ab!

Ein 9-jähriger Hund kann noch einige wunderschöne Jahre mit Ihnen verbringen – bringen Sie sich und den Hund nicht aufgrund einer Zahl um die Chance, eine einmalige Hundeliebe zu erleben.

  

Überlegen Sie sich, warum Sie sich für einen Hund entscheiden. Sicherlich nicht, damit Sie gezwungen sind, spazieren zu gehen, denn das könnten Sie auch ohne Hund.

Ist es nicht vielmehr so, dass Sie einen tierischen Gefährten Zuhause haben wollen, den Sie auch - im Gegensatz zu einer Katze - mitnehmen können?

Weil man sich mit Hund nicht so alleine fühlt?

Weil Sie jedem Hund auf der Strasse hinterher schauen oder jeden Hund am liebsten streicheln würden, weil Sie sich dann einfach „wohl fühlen“?

Wenn das gewichtige Gründe in Ihren Überlegungen sind, dann schließen Sie ältere Hunde bitte nicht von Vorne herein aus, denn diese Voraussetzungen werden auch von älteren Hunden erfüllt.

  

Den Menschen, die sich ein Tier aus dem Tierheim holen, muss man Dank zollen für ihre tierliebe und oftmals aufopfernde Bereitschaft, einem abgeschobenen Tier mit all seinen Marotten ein neues liebevolles Zuhause zu schenken!

Umso mehr sind die Menschen, die ein älteres Tier zu sich nehmen und ihm für die noch verbleibende Zeit Wärme, Liebe und Geborgenheit schenken, für diese Tiere die Rettung in oftmals letzter Minute.

Nicht selten kommt es vor, dass ein Hund in seinem neuen Zuhause wieder aufblüht, wohingegen er sich im Tierheim fast schon „aufgegeben“ hatte.

  

Zwar tragen alle Menschen, die sich ihr neues Familienmitglied im Tierheim holen, dazu bei, dass die Tierschützer erfolgreich helfen können.

Ab und zu gibt es Tierfreunde, die sich ein armes Tier allein aus dem Bedürfnis heraus holen, ihm „einen schönen Lebensabend zu schenken“!

Sie sehen in erster Linie das hilfebedürftige Tier und holen es allein um seiner selbst Willen aus dem Tierheim heraus, ihre eigenen Wünsche werden als zweitrangig angesehen.

  

Um wieviel schlimmer wäre die Arbeit der Tierschützer, wenn mehr Tiere bis ans Ende ihres (oftmals schon traurig genug gewesenen) Lebens im Tierheim bleiben müssten, um tagtäglich am Gitter zu sitzen, den vorbeiströmenden Leuten nachzuschauen und die Hoffnung auf ein warmes Plätzchen bei ihren Menschen aufgeben zu müssen. 

Gott sein Dank gibt es doch immer mal wieder Menschen, die auf ihr Herz hören!

  

Ich schaue auf meinen Seniorhund hinunter, der neben meinem Schreibtisch sitzt und mich beobachtet.

Die diversen Medikamente für sein Herz und gegen die Schlaganfälle wirken, wir toben nicht mehr herum sondern versuchen uns in Geschicklichkeits- und Suchaufgaben.

Er ist es mir wert – auch wenn ich ab und zu nachts 3mal mit ihm in den Garten muss, weil er Durchfall hat oder Pinkelchen machen muss.

Wir schmusen jeden Tag umso ausgiebiger, denn ich weiß ja nicht, wie lange wir noch zusammen sein können!

Bis Weihnachten .. oder bis zu unserem gemeinsamen Jahrestag im Mai?

Und wenn ich mir jetzt vorstelle, er wäre im Tierheim?!

Es zerreißt mir das Herz – der anderen alten Hunde im Tierheim wegen!

                                            Michaela Zimmermann, Herbst 2008