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Milchkühe und ihre (Aus-)Nutzung

Milchkühe und ihre (Aus-) Nutzung

  

Milch und Milchprodukte stehen bei den Verbrauchern hoch im Kurs. Nach Gammelfleisch und anderen Hiobsbotschaften aus der industriellen Fleischproduktion ist das Vertrauen der Konsumenten in das Produkt ?Milch? nach wie vor ungebrochen. Dass erwachsene Menschen Babynahrung brauchen, um gesund zu bleiben, redet uns eine offensive Werbung seit Langem ein. Macht aber Milch wirklich müde Männer munter? Und kommt die Milch tatsächlich von Kühen, die auf grünen Almwiesen grasen?

  

Als ?Milchkühe? werden weibliche Hausrinder bezeichnet, die zur Produktion von Milch gehalten werden. Die Kuh ?gibt Milch? heißt es so schön. Wem sie die Milch geben darf, ihrem Kalb oder dem Verbraucher, entscheiden wir Menschen. Damit die Kuh ständig Milch liefert, muss sie jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Die ?Milchleistung? der Kuh steigert sich nach der Geburt des Kalbes in den ersten sechs Wochen und fällt dann langsam wieder ab. Diese Zeit wird als Laktation bezeichnet. Schon wenige Wochen nach der Geburt des Kalbes wird das Muttertier erneut künstlich befruchtet. Die Trächtigkeit dauert neun Monate. In dieser Zeit wird die Kuh weiter gemolken. Erst sechs bis acht Wochen vor der Geburt wird sie ? oft mit Medikamenten ? trocken gestellt, also nicht mehr gemolken, damit sich das Euter etwas erholen kann und Entzündungen ausheilen. Aber so genau wird es oftmals nicht genommen. Wachstumshormone und unnatürliche Melkzyklen tragen dazu bei, dass ihre Euter schmerzen und häufig dermaßen schwer werden, dass sie zuweilen sogar am Boden schleifen. In Folge kommt es häufig zu Euterinfektionen, denen man mit einer extensiven Antibiotikabehandlung zu begegnen versucht.

Nicht selten sind Missgeburten. Besonders stark vertreten sind Kälber ohne Darmausgang oder mit missgebildeten Därmen, infolge von Inzucht. Aber auch Kreuzungen von ?Zweinutzungsrassen? (Fleisch und Milch) sind oftmals körperlich derart deformiert, dass ihr Hinterteil übergroßen Schweinehintern ähneln. Hier ist die Sterberate der Kälber aber auch der Muttertiere recht groß, da diese übergroßen Kälber meist nur per Kaiserschnitt geboren werden können. Hierzu bedarf es jedoch einer tierärztlichen Behandlung, die oftmals auch aus Kostengründen nicht als notwendig erachtet wird. Das Kalb wird der Mutter in der Regel gleich nach der Geburt weggenommen. Nur in den ersten Tagen bekommt das Kalb die Milch seiner Mutter ? das sogenannte Kolostrum. Danach wird es mit einem Milchersatz gefüttert. Hin und wieder kommt es vor, dass Mutter und Kind einige Tage zusammenbleiben dürfen. Die Bindung ist dann rasch sehr eng und die anschließende Trennung für beide noch traumatischer. Das Kälbchen wird oftmals in eine kleine enge Ständerbox gesperrt, wo es keinen Körperkontakt zu anderen hat und sich noch nicht einmal drehen kann. Das verzweifelte Rufen der Mutter ist auf dem Land ein vertrauter Klang, der als ?gottgegeben? hingenommen wird.

 

Keine Milch ohne Kalbfleischproduktion

Männliche Kälber, die eigentlich unerwünschten ?Nebenprodukte? der Milchindustrie, haben in der Kälbermast noch etwa 14 bis 17 Wochen des Elends vor sich, wenn sie in dermaßen winzigen Boxen eingepfercht sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen können. Weibliche Kälber ersetzen oft ihre alten, ausgelaugten Mütter oder werden kurz nach der Geburt geschlachtet, um das Lab (Ferment, das Milch gerinnen lässt) aus ihren Mägen zu gewinnen. Sollen die später ihre Mütter als Milchmaschinen ersetzen, werden sie in den Monaten bis zur Geschlechtsreife oft in kleinen Boxen verstaut oder im Stall angebunden gehalten.

Hatten Kühe mal Hörner?

So wie Stadtkinder bisweilen meinen, Kühe seien lila, wird es bald in Vergessenheit geraten, dass Rinder von der Natur mit Hörnern ausgestattet sind. Mehr als 90% der Kälber werden enthornt mit der Begründung, nicht enthornte Tiere stellten eine Unfallgefahr für den Tierhalter dar und könnten sich auch gegenseitig verletzen. Tatsächlich begann die Enthornung der Kälber mit der Einführung der Laufställe, wo es bei Platzmangel, fehlenden Ausweichmöglichkeiten und schlechter Betreuung der Herde zu Auseinandersetzungen zwischen rangniederen und ranghöheren Tieren kommen kann. Hier ist es zwar schön, dass die Anbindehaltung nach hinten gedrängt wurde, jedoch dürfen solche Laufställe natürlich auch nicht vollgestopft werden. Die ?begründete? Amputation der Hörner weist somit auf eine nicht tiergerechte Gestaltung des Stalles und Mängel bei der Betreuung der Tiere durch den Tierhalter hin!

Lt. Tierschutzgesetz ist es grundsätzlich verboten, Körperteile von Wirbeltieren zu entfernen oder zu zerstören. Gleichzeitig werden aber Ausnahmen erlaubt, wie die Kastration und die Enthornung. Bei Kälbern unter sechs Wochen darf die Hornanlage sogar ohne Betäubung zerstört werden. Dazu gibt es zwei Verfahren: Bei der Brennmethode wird ein spezieller Elektrobrenner, oft aber auch einfach ein Lötkolben, auf die Hornanlage gesetzt und hin und her gedreht, bis das Gewebe über dem Knochen weggebrannt ist. Oder es werden Ätzstifte oder ?pasten mit säurehaltigen Substanzen verwendet, welche auch die Augen verätzen können. Beide Methoden sind für die Tiere äußerst schmerzhaft, weshalb auch Tierärzteverbände eine Betäubung und nach dem Eingriff schmerzstillende Mittel fordern, bisher allerdings vergeblich. Zumal gehört es an der Tagesordnung, dass selbst viel ältere Tiere ohne Betäubung enthornt werden. Aufgrund des starken Schmerzereignisses entwickeln sie einen starken Speichelfluss und schreien vor Schmerzen.

(Was wenige wissen: Das Horn ist kein totes Gewebe. An der Hornbildung sind die drei Schichten der Haut, Ober-, Leder- und Unterhaut beteiligt. Schon beim Fötus entsteht an der Stelle, wo sich später die Hörner bilden, eine Verstärkung der Haut. Anfänglich bilden sich die Knochenauswüchse selbständig als einzelne Knochen neu in der Unterhaut, sie sind beim neugeborenen Kalb noch deutlich verschiebbar über der knöchernen Schädelunterlage und verwachsen erst allmählich mit dem Stirnbein. Die Unterhaut wird in ihrer Gesamtheit zur Knochenhaut des Knochenzapfens. Dieser ist von der blutgefäß- und nervenreichen Lederhaut umgeben). Neuste Studien haben ergeben, dass die Hörner eine wichtige Rolle für den Stoffwechsel übernehmen. Sie gehören einfach zum Rind, wie das Geweih zum Hirsch.

 

Genaue gesetzliche Regelungen zur Rinderhaltung fehlen in Deutschland und in der EU. Die Anbindehaltung ist weiterhin weit verbreitet und erlaubt. Hier stehen die Kühe ihr Leben lang angebunden auf einer Stelle, sofern sie nicht wenigstens in den Sommermonaten auf die Weide geführt werden, was jedoch immer seltener der Fall ist. In den riesigen Betrieben der Agrarindustrie, wo Hunderte von Milchkühen mit modernster Technik im 24stünden Rhythmus gemolken werden, erblickt keine einzige Kuh mehr in ihrem Leben eine Weide. Schwere Klauen- und Gelenkerkrankungen sind oft die Folge.

In der Natur legen Rinder täglich viele Kilometer zurück. Ihr Bewegungsbedürfnis haben auch die seit mehreren Tausend Jahren domestizierten Rinder nicht verloren, In Anbindehaltung wird jedoch jeder Sozialkontakt und jede Bewegungsmöglichkeit verhindert. In den Laufställen kommt es sehr darauf an, wie viel Platz die Tiere haben, wie die Laufgänge, der Liegebereich und die Böden beschaffen sind. Vollspaltenböden sind leider immer noch erlaubt. Rangniedere Tiere leben im Dauerstress, wenn sie nicht die Möglichkeit haben auszuweichen, ungestört zu ruhen, ausreichend zu trinken und Nahrung aufzunehmen.

 

Leistung ist alles

Vor 60 Jahren gab eine Kuh ungefähr 700 Liter pro Jahr. Heute liegt die Jahresmilchleistung bei 7000 Litern. Einzeltierleistungen liegen längst schon bei über 10.000 und im Extremfall bei bis zu 14.000 Litern Milch. Aufgrund ausgeklügelter Fütterung mit Kraftfutter wurde eine Hochleistungskuh ?entwickelt?. Bei einer Menge von 50 Litern pro Tag vollbringt ihr Organismus die Stoffwechselleistungen eines Dauermarathons. Allein zur Produktion von einem Liter Milch müssen 500 Liter Blut durch die Milchdrüsen des Euters fließen. Dieser Zwang zur Höchstleistung wird mit zahlreichen Erkrankungen und einem frühen Tod erkauft. Meist schon nach zwei bis drei Kälbern sind Hochleistungskühe ausgezehrt und gehen in jugendlichem Alter von vier bis fünf Jahren in den Schlachthof. Dabei könnte eine Kuh gut 20 Jahre und älter werden.

Übrigens sind auch die Kühe selbst ein Exportschlager. Mehr als 77000 hochträchtige Jungkühe wurden im letzten Jahr mit Exportsubventionen aus Steuergeldern per LKW und Schiff in 32 verschiedene Länder ausgeführt, darunter Russland, die Ukraine und Marokko. Der quälerische Ferntransport und ihr weiteres Schicksal interessieren hierzulande niemanden!

In Indien gilt die Kuh als Mutter des Lebens und alles, was von ihr stammt, als heilig. Auch in den Mythen Vorderasiens und Europas galt die Kuh als eine der sanftmütigsten, gütigsten und erhabendsten Kreaturen. Schimpfwörter wie ?du dumme Kuh? zeigen bereits, dass von der hohen Wertschätzung dieses Tieres im neueren Europa nicht viel übrig geblieben ist. Im hochmodernen Kuhstall erfolgen die Fütterung, Tränkung, das Melken und die Güllebeseitigung automatisch. Der ?Betriebsleiter?, wie der Bauer heutzutage genannt wird, verbringt mehr Zeit vor dem Computer ? zur Milchdatenanalyse, Futtermittelbestelltung etc. ? als bei den Tieren. Der räumlichen und damit auch emotionalen Entfremdung des Tierhaltes von seinen Tieren entspricht das Unwissen der Konsumenten über die Herkunft der Produkte, die sie konsumieren. Um die 60 Cent für einen Liter Milch, kaum mehr als sie für Mineralwasser zahlen, ist vielen Verbrauchern schon zu viel. In der industriellen Tierhaltung ist die Kuh nur noch ein Produktionsfaktor, der sich den Erfordernissen des Marktes anzupassen hat, und die Milch nur ein Rohstoff, der beliebig vermehrt und bis zur Unkenntlichkeit denaturiert im Supermarktregal liegt. In Zukunft könnte die Kuh durch gentechnische Manipulation auch noch zu einer Art ?Bioreaktor? werden, d. h. die Milch hat, wenn sie aus dem Euter kommt, bereits die von der Industrie gewünschten Eigenschaften: Sie ist milchzuckerfrei, enthält geeignete Proteine für bestimmte Joghurt- oder Käsesorten etc. Schöne neue Zukunft? Designer-Kühe für Designer-Produkte? Wegwerf-Kühe für eine Wegwerf-Gesellschaft? So wie wir mit den Tieren umgehen, so gehen wir mit uns selbst um. Es ist Zeit einiges zu ändern?

Fazit

Zweifelsfrei ist das ?Milchkuh?-Dasein art- und tierwidrig, und allein die hier angeführten Teilaspekte geben Anlass genug, den eigenen Konsum kritisch zu überdenken.

Birgit Wintersteller-Kordic